Minimal digital #1

Was mich ja besonders bewegt ist die Nutzung der digitalen Ressourcen. Ich liebe sie, aber ich verfluche sie auch. Sie helfen und ermöglichen mir so viel. Aber sie fressen so unendlich viel Zeit, sie machen so süchtig, sie stressen mich zuweilen.

Im Kurs “A simple year” (zu dem man sich übrigens jetzt doch nachträglich noch anmelden kann) ging es im Mai um eben genau diese Themen. Ein paar sehr wesentliche und hilfreiche Inputs konnte ich davon bereits um setzen.

Tammy Strobel, die die Inhalte für diesen Monat erarbeitet hat, hatte einen für mich besonders wertvollen Tip auf Lager. Und zwar suggerierte sie die App “Moment” aufs Handy zu laden. Diese zeichnet auf wie viel Zeit man am Handy verbringt. Egal ob Internet, spielend, fotografierend. Es war ein wenig paradox eine weitere App herunterzuladen, obwohl man doch reduzieren wollte. Doch diese lohnt sich. Wirklich! Sie läuft im Hintergrund und nach 2 Tagen hat man auch schon wieder vergessen, dass sie da mitläuft und kippt in das altgewohnte Verhaltensmuster. Das einzige, was die App macht ist melden, wenn ich auf Flugmodus schalte, weil sie dann nicht mehr aufzeichnen kann. Ansonsten ist sie so ruhig, dass man sie nicht bemerkt. Aber sie bemerkt vieles. Als ich dann nach einigen Tagen checkte, was die App so mitgezeichnet hatte, erschrak ich. Ernsthaft. Zwischen 1 und 4 Stunden verbrachte ich täglich am Handy. Wenn man bedenkt, dass mein Handy von ca. Mitternacht bis 6 Uhr morgens ausgeschaltet ist, ist das enorm viel. Erschreckend viel. Denn diese Zeit verbringe ich nicht sinnvoll, sondern sinnlos surfend und scrollend und tippend. In der U-Bahn, beim Essen, vor den Kindern, in Sitzungen und ja, auch am WC.

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Der Schock saß tief und sofort erteilte ich mir folgende heilende Maßnahmen:

  • Sonntags ist phonefree. Das Handy bleibt komplett aus. Keine Anrufe, keine Nachrichten, keine Fotos, kein Surfen. Nichts. Weil die Welt sich trotzdem weiterdreht.
    Ich habe es zumindest meiner Familie gesagt, damit meine Mama sich nicht wundert, weil die öfter sonntags anrief oder per whatsapp schrieb. Aber lebensnotwendig war davon nichts. Es ist erstaunlich, wie gut das funktioniert. Wie frei ich mich fühle, weil ich einfach so mit den Kids unterwegs sein kann und nicht dauernd Fotos machen will oder irgendwo wem schreiben was sie grad machen oder sagen. Ich genieße einfach, was sie tun und bin viel mehr dabei als dokumentierend daneben.
  • Schlafzimmer und WC sind handyfreie Zone. Ebenso der Küchentisch. Weil ich das auch von meinen Kindern erwarte, wenn die mal ein Handy haben. Auch wenn das noch dauert, muss will ich bis dahin entsprechende Regeln selbst verinnerlicht haben. Und eigentlich ist es auch ein bisschen absurd mit dem Ding bis zum Augenzufallen im Bett zu liegen, als würde man eine Minute im Wachzustand ohne Handy was verpassen. Am WC lese ich nun die Zeitschriften, die ich abonniert habe. Im Bett lese ich ein Buch oder gar nichts und schlafe einfach schneller. Wenn ich stille, genieße ich die Ruhe und mein Baby, denn das wird eh zu schnell groß.
  • Morgens wird das Handy frühestens eine Stunde nach dem Aufstehen eingeschaltet, meist, um das Wetter zu checken. Aber nicht schon im Bett vorm Augenaufschlagen.
    Komischerweise ist nichts anders als vorher. Ich bin nur bis zum Handyanschalten entspannt und ruhig beim Aufwachen und nicht schon am Checken aller sozialen Netze und Nachrichten.
  • Keine emails mehr am Handy. Weder lesend noch schreibend. Die App ist gelöscht. 
    Erstaunlicherweise sind die Emails immernoch im Postfach, wenn ich dieses erst um 9, nachdem ich die Kinder in Kindergärten gebracht habe, gecheckt habe und nicht schon um 7 vorm ersten Kaffee. Und ich kann sie auch gleich bearbeiten/entsorgen anstatt nur müde durchzuscrollen und “für später” aufzuheben. Wo sie nur allzu oft unter neuen begraben in Vergessenheit geraten. Nun schaue ich manchmal in der U-Bahn aus dem Fenster, statt ins Handy. Das ist eigentlich viel entspannender.
  • Twitter, Facebook und Co sind vom handy gelöscht. Sie saugen einen in sich auf und damit wertvolle Zeit. 
    Ich checke diese Netzwerke nur noch am Laptop und dann auch bewusst, das heißt ich nehme mir bewusst Zeit dort jetzt dieses und jenes zu tun. Aber ich versinke nicht mehr so in ihnen. Ich finde mich nicht mehr plötzlich 1h später wieder und habe nichts nichts nichts getan als Timelines gescrollt. Das Handy bleibt aus und ich betrachte die Timeline vor meinen Augen. Die Welt. Ein Buch. Meine Kinder.

Und wie geht es mir mit all dem? Es ist erstaunlich, wie oft ich aus Gewohnheit das Handy noch aus der Tasche ziehe. Aber immer öfter stecke ich es einfach so auch dorthin zurück. Weil ich mich besinne, dass es dort kein Twitter, kein Facebook, keine Email mehr zu checken gibt. Dass es nichts mehr gibt, womit ich meine blanke Zeit stopfen kann. Stattdessen genieße ich Ruhe und die Augen ins Leben gerichtet. Und die Kinder haben auch schon ewig das Handy nicht mehr angerührt um Fotos darauf anzusehen.

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Freunde laufen nicht gleich davon, wenn man nicht sofort auf jede Whatsapp Nachricht reagiert. Sie gewöhnen sich daran, dass man nicht ständig online ist. Oder vielleicht sind sie es selbst nie, nur ich habe es von mir erwartet immer gleich antworten zu müssen.

Meine Armbanduhr ist mir nun noch wichtiger geworden. Sie sagt mir die Zeit, dazu muss ich nicht mehr das Handy aus der Tasche ziehen.

Selbst Podcasts höre ich weniger, weil ich die freie Zeit unterwegs einfach wieder wie früher sinnierend genieße, über irgendetwas nachdenke, meinen Ideen und Gedanken nachhänge, anstatt schon wieder von der Welt abgelenkt anderen Menschen lausche.

Außerdem habe ich ja vor viel mehr zu schreiben, weil schreiben meine Leidenschaft ist. Die Inspirationen zum Schreiben sind da draußen überall. Und ich kann sie nur sehen und erkennen, wenn ich meinen Blick dafür frei habe.

An der Reduktion und strukturierteren Nutzung meines Laptops arbeite ich noch. Aber die Nichtnutzung des Handys hilft dabei schon sehr.

Wie geht es Euch mit Eurem Handyverhalten ? Seid ihr zufrieden oder hat es Euch auch viel zu oft in seinem Bann ? 

4 Gedanken zu „Minimal digital #1

  1. Liebe Nadine!
    Ich besitze bis heute kein Smartphone, ich weigere mich noch. 😉 Gerade, weil es mir wie Dir gehen würde. Und sich aktiv etwas wieder abzugewöhnen erscheint mir schwieriger als es noch gar nicht genutzt zu haben.
    Leider wurden meine Pläne zumindest zuhause von einem Tablet untergraben. Es ist so herrlich schnell und einfach, dort “mal eben” etwas nachzusehen,zu surfen oder Mails zu lesen. Das ist also meine Baustelle. Ich versuche, es wenig zu nutzen. Den Laptop hingegen nutze ich fast gar nicht mehr, da ich ja schon das Tablet nutzte.
    Ich habe weder Twitter noch Instagram o.ä. und versumpfe dort dennoch immer mal wieder, da ich beim Surfen gern die Twitter Nachrichten meiner liebsten Blogger lese (im Browser).
    Im Großen und Ganzen bin ich zufrieden, aber ein bißchen möchte ich trotz allem noch reduzieren.
    Unterwegs hingegen ist alles top. Ich hab mein altes Tastenhandy, das ich quasi nur als Uhr nutze, und meinen kleinen Fotoapparat, den ich allerdings recht viel nutze. Aber ich bin (da ohne Smartphone/Internet) immer wirklich in der Situation und bei den Kindern etc. Das ist mir sehr wichtig und tut mir gut. Daher wird es auch erstmal kein Smartphone geben. Schlimm genug, daß ich zuhause immer mal so abgelenkt bin, finde ich.
    Alles in allem finde ich es schwierig, auf Dauer eine gute Balance zu finden – irgendwann wollen meine Kinder Smartphones und ich werde auch irgendwann eins haben, denke ich. Mal sehen, wie es sich entwickelt. Noch sind sie klein. 😉
    Liebe Grüße,
    Steffi

  2. Ein spannendes Thema. Derzeit arbeite ich viel mit dem Handy: fotografieren, telefonieren, sms-schicken und gucke “mal schnell” auf Facebook oder seit neuestem auch Instagram rein oder lese blogs.

    Mir macht es grade auch sehr Spaß, und ich denke das ist jetzt auch der Reiz des Neuen. Ich gönne mir das mal und sehe was draus wird.

    Was mir aber immer wichtig ist und was ich bei den Kindern nicht immer schaffe, da die ja eigentlich immer Aufmerksamkeit von mir wollen: mein Gesprächspartner ist wichtiger als das Handy. Wenn ich gerade mit jemandem spreche oder wir essen, muss der Anruf eben warten. Bei den Kindern unterbreche ich doch öfter einmal das Spiel oder kümmere mich um den Anruf, denn sonst könnte ich das erst machen wenn sie schlafen 😉 Aber ich möchte, dass sie wissen, dass sie mir viel wichtiger sind.

    Vor kurzem ist es mir zB passiert, dass wir uns mit einem Kindergartenfreund meines Sohnes und seiner Mama getroffen haben und sie ganz selbstverständlich nebenbei telefoniert hat oder uns am Handy Fotos gezeigt hat. Meine erste Reaktion war, dass das sehr unhöflich ist. Aber andererseits kann das Handy auch eine Bereicherung sein wenn man zB jemandem etwas zeigen will, oder kurz im Internet eine Information recherchiert.

    Ich denke man sollte sich bewusst sein, dass das Handy ein Mittel zur Kommunikation ist, das man auch ruhig nutzen soll. Solange der Mensch, der mir real gegenübersteht Vorrang hat ist alles gut, finde ich. 🙂

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